Zocken mit dem Virus: Englands «Freedom Day» verheisst nichts Gutes

In England sind die Hospitalisationen trotz hoher Fallzahlen noch tief. Dank hoher Durchimpfung. Dennoch sind 60 Prozent der Patienten doppelt geimpft.

Das Virus verbreitet sich wieder: Pendler in einer Londoner U-Bahn.

Das Virus verbreitet sich wieder: Pendler in einer Londoner U-Bahn.

Bild: Keystone

(dpa)

Es hätte das glorreiche Ende der «Einbahnstrasse Richtung Freiheit» sein sollen: Menschen, die sich in den Armen liegen, in vollen Clubs die Nacht durchtanzen und die Masken fallen lassen. So die Vision von Boris Johnson, der über Monate hinweg seinen «vorsichtigen, aber unumkehrbaren Weg» pries, an dessen Ende der langersehnte «Freedom Day» stehen sollte. Diesen Tag der Freiheit erlebt England nun auch – doch von Vorsicht kann keine Rede mehr sein. Und im Fall von Boris Johnson auch nicht von Freiheit. Der Premierminister ist als enger Kontakt seines infizierten Gesundheitsministers seit dem Wochenende in Quarantäne.

Die englische Corona-Strategie steht nun ganz unter dem Motto: Eigenverantwortung. Masken sind seit Montag an den meisten Orten freiwillig, genauso wie Abstandhalten. Es gibt keine Beschränkungen mehr für Clubs oder private Partys, auch Theater und Kinos dürfen ihre Säle voll besetzen. Tausende Feierwütige begrüssten ihre neugewonnene Freiheit schon in den frühen Morgenstunden mit der ersten Clubnacht seit Monaten.

England feiert das Ende der Corona-Regeln.

Video: Katja Jeggli

Fast wieder wie bei der Welle zum Jahreswechsel

Währenddessen lässt die hochansteckende Delta-Variante die Zahl der Corona-Infektionen in Grossbritannien immer weiter ansteigen – ein Abflachen der Welle ist nicht in Sicht, die Sieben-Tage-Inzidenz wurde zuletzt mit 399 angegeben (Stand: 14. Juli). Fast täglich werden mehr als 50 000 neue Fälle registriert – beinahe so viele wie zum Höhepunkt der zweiten Welle zum Jahreswechsel.

Dennoch sind die Hospitalisationen noch rund 6 mal tiefer – der hohen Durchimpfungsrate in England sei Dank. Das heisst: Die meisten Infektionen treffen die Nicht-Geimpften und trotzdem infizierte Geimpfte haben einen milden Verlauf.

Aber nicht alle, wie Englands wissenschaftlicher Chef-Berater Patrick Vallance gegenüber Reuters sagte, seien 60 Prozent der neu eingewiesenen Corona-Patienten bereits doppelt geimpft. Gegenüber der Delta-Variante ist AstraZeneca nicht immer wirksam. Doch die Impfung bietet nach wie vor einen hohen Schutz gegen eine Hospitalisierung – die 60 Prozent erklären sich damit, dass die hospitalisierten Doppeltgeimpften aus einer viel grösseren Bevölkerungsgruppe stammen: Zwei Drittel aller Erwachsenen in England und rund 95 Prozent der über 65-Jährigen sind geimpft – also jener Gruppe, mit den Risikopersonen für eine Spitaleinweisung. Ohne Impfung wären sehr viel mehr dieser Leute schwer krank.

1,7 Millionen sind zurzeit in Quarantäne

Weitreichende Lockerungen bei hoher Impfquote, aber auch extrem hohen Infektionszahlen: Es ist ein Experiment, wie es in kaum einem Land in dieser Form probiert wurde. Und bereits jetzt, noch weit vor dem mutmasslichen Höhepunkt der aktuellen Welle, zeigt sich, dass Freiheit und Pandemie nicht so recht zusammenpassen wollen: Rund 1,7 Millionen Briten befinden sich einem Bericht zufolge derzeit in Quarantäne, weil sie als enge Kontakte von Infizierten durch die Corona-App «gepingt» oder vom Gesundheitsdienst angerufen wurden.

Die «Pingdemic», wie das Phänomen bereits von britischen Medien getauft wurde, wird zum logistischen Problem an jeder Ecke: Weil Bahnfahrerinnen, Bedienungen oder Kassierer fehlen, mussten U-Bahn-Linien bereits zeitweise ihre Fahrten einstellen, erste Pubs wieder schliessen oder Supermärkte über verkürzte Öffnungszeiten nachdenken. Wirtschaftsverbände fordern, die Pflichtquarantäne nach einem Kontakt mit Infizierten für Geimpfte durch tägliche Tests zu ersetzen – im Gesundheitsdienst ist dieses Prinzip bereits eingeführt worden. Johnson kündigte am Montagabend zudem Ausnahmen für Beschäftigte der kritischen Infrastruktur an.

Doch selbst drei führende Regierungsmitglieder im Kampf gegen die Pandemie, die den «Freedom Day» alles andere als frei verbringen müssen, scheinen der Regierung nicht Warnung genug zu sein. Johnson, der nur für den grössten britischen Landesteil England die Corona-Politik macht, vertraut weiter voll und ganz auf den Schutz der bisherigen Impfungen.

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