Zusammenarbeit statt Dauerstreit: Eine App wagt eine kleine Revolution im Gesundheitswesen

Zwei Krankenkassen, ein Telemedizinanbieter und eine Versandapotheke spannen beim Startup Well zusammen.

Termin zur Grippeimpfung: Einfach gebucht über die App.

Termin zur Grippeimpfung: Einfach gebucht über die App.

Christian Beutler / KEYSTONE

Google liefert immer Antworten, doch nicht immer die richtigen. Und das wiederum kann bei Gesundheitsfragen unerfreuliche Konsequenzen haben. Auch deshalb arbeitet Alexander Bojer auf eine Verhaltensänderung hin, weg vom Internet hin zu Well, einer neuen Gesundheits-App. Oder wie es Bojer ausdrückt: «Well soll zum Gateway fürs Schweizer Gesundheitswesen werden, und zwar für alle.» Das klingt angesichts der Tatsache, dass heute praktisch noch niemand seine App kennt doch ziemlich anmassend. Und es ist gemessen an der Reformunfähigkeit des schweizerischen Gesundheitswesen wohl auch etwas naiv.

Dennoch: Was Bojers Ambitionen etwas realistischer erscheinen lässt, sind die vier Gründeraktionäre von Well, die eigentlich nie einer Meinung sind und sich für einmal zusammengerauft haben. Es sind dies die beiden Krankenkassen CSS und Visana, die in den zwei verfeindeten Kassenverbänden Curafutura respektive Santésuisse engagiert sind, die Versandapotheke Zur Rose und der Telemedizinanbieter Medi24, der wiederum zur global tätigen Allianz-Partners-Versicherungsgruppe gehört. Sie alle sind im Gesundheitswesen gut verankert, sind offenbar bereit, gewisse Abstriche zu machen, und sie haben alle Zugang zu einem grossen Kundenstamm, über welchen sie Well bewerben können.

Gratis für die Nutzerinnen und Nutzer

Well_Chef Alexander Bojer.

Well_Chef Alexander Bojer.

ZVG

Die Well-App ist für die Benutzerinnen und Benutzer gratis. Mehrere Tausend haben sich bis heute auf der Beta-App registriert. Das Angebot des im zürcherischen Schlieren beheimateten Startups mit rund 35 Angestellten ist aber vorerst auch noch recht bescheiden: Es gibt Informationen zu Gesundheitsfragen, einen Online-Symptomchecker für eine Erstdiagnose sowie Möglichkeiten, einen Grippeimpftermin zu buchen. Gemäss Bojer sollen laufend neue Funktionen und Verbesserungen aufgeschaltet werden. So soll in den nächsten Monaten ein Ärzte-Chat hinzukommen, bei dem dann medizinisches Personal statt der Computer Fragen zum Gesundheitszustand beantwortet.

Gebührenpflicht hingegen ist die Plattform für die Krankenkassen. Sie müssen zahlen, wenn sie die App ihren Kundinnen und Kunden anbieten. Bojer verspricht nur qualitativ einwandfreie Anbieter aufzuschalten und hohe Datensicherheit für die Nutzerinnen und Nutzer. Und er ergänzt: «Es gibt keinen Datenaustausch zwischen Well und den Krankenkassen.»

Bojer hofft nun, dass sich möglichst bald, möglichst viele Leistungserbringer und Kassen anschliessen – wegen der Einnahmen, aber auch weil er nur allzu gut weiss, dass die «Well-Vision» nur funktionieren kann, wenn alle mitmachen, oder wenigstens fast alle. Deshalb ist Well bewusst nicht etwa den vier Aktionären vorbehalten, sondern allen zugänglich. «Wir sind eine offene Plattform für alle», betont Bojer, der den grössten Teil seiner beruflichen Karriere in der Schweizer Beraterbranche verbracht hat und seit rund einem Jahr an der Spitze von Well steht. Alle Akteure im Gesundheitswesen seien willkommen, also auch die Konkurrenz von CSS, Visana, Medi24 und Zur Rose. Der Beweis: Derzeit können alle, die sich bei Well registriert haben, über die App einen Grippeimpftermin buchen – und zwar in Amavita-Apotheken, welche sonst mit der Versandapotheke um die Gunst der Kundschaft buhlen.

Am Anfang stand die Idee der CSS

Den Anstoss zur Well-Gründung kam von der CSS, sie ist auf die drei anderen Partner zugegangen – und stiess dort auf offene Ohren. Alle betonen die Chancen der Digitalisierung fürs Gesundheitswesen. Sie sprechen von mehr Effizienz und Transparenz und heben die Vorteile einer «offenen und unabhängigen Plattform» hervor für die Nutzerinnen und Nutzer. Oder wie Zur-Rose-Kommunikationschefin Pascale Ineichen ausdrückt: Die Menschen könnten so letztlich ihre Gesundheit «auf einen Klick managen» – und zwar von der Prävention über die Diagnose und Behandlung bis zum Monitoring.

Die CSS sei überzeugt, dass eine offene und unabhängige Plattform, auf der sich die Nutzerinnen und Nutzer mit den verschiedensten Anbieter verbinden können, im Sinne aller Beteiligten wäre, sagt Sprecherin Christina Wettstein. Die Krankenkasse hofft deshalb, dass sich mit der Zeit «weitere Versicherer und Leistungserbringer Well anschliessen werden».

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